Anfang Januar hat die (noch) viertgrößte Werftengruppe Deutschlands, die MV Werften mit Standorten in Wismar, Rostock und Stralsund Insolvenz angemeldet. Für die Kolleginnen und Kollegen ist es nur der nächste Brecher in stürmischer See. Seit 1991 war etwa der größte Standort in Stralsund im Eigentum von nicht weniger als 7 in- und ausländischen „Investoren“, zuerst der Bremer Vulkan AG, dann der Hegemanngruppe, Werft Lürssen, Møller-Mærsk, wieder Hegemann, P+S Werften GmbH, Nordic Yards und schließlich als Teil der MV Werften die Genting Hong Kong, Teil der malaysischen Genting-Gruppe. Für die sollten in Mecklenburg, genauso wie in der ebenfalls zum Konzern gehörenden Lloyd-Werft Bremerhaven gigantische Kreuzfahrtschiffe für die neue Bourgeoisie Ostasiens gebaut werden.

Direkt von der Insolvenz betroffen sind knapp 2.000 Kolleginnen und Kollegen. Wie viele andere in der Zulieferindustrie, die im weitgehend deindustrialisierten Nordosten kaum andere Kunden finden werden, ihre Jobs verlieren, kann noch niemand absehen. Für die Menschen im ärmsten Bundesland Deutschlands, in dem tariflich abgesicherte, einigermaßen gut bezahlte Jobs ohnehin absolute Mangelware sind, ist das ein schwerer Schlag. Mit Verweis auf „vorrangigere Gläubiger“ wurde sogar versucht, die Auszahlung der Dezembergehälter zu verhindern oder wenigstens zu verschleppen.

Zwar zeigte sich der mittlerweile bestellte Insolvenzverwalter optimistisch, einen Abnehmer für das fast fertiggestellte Riesenprojekt „Global 1“, das mit 9.500 Passagieren das größte Kreuzfahrtschiff der Welt werden sollte, zu finden. Doch ist fraglich, wer in der aktuellen Situation Interesse daran haben sollte, nachdem der Auftraggeber, Mutterkonzern Genting Hong Kong am 19. Januar ebenfalls in Bermuda Insolvenz anmelden musste, unter anderem, da er 2,8 Milliarden Euro Verbindlichkeiten der MV Werften übernehmen musste.

Mecklenburg-Vorpommerns Regierung hatte bereits zuvor die Reißleine gezogen, und die Auszahlung von 88 Millionen Euro an Staatshilfen gestoppt, nachdem offensichtlich wurde, dass die Pleite unvermeidbar geworden war. Wie mittlerweile bekannt wurde, hat die Führungsetage Gentings wohl schon Anfang 2021 diese für unausweichlich gehalten, und eine Abwicklung geplant. Es ist also anzunehmen, dass der Weiterbetrieb der Werften vor allem dazu diente, eben diese Staatshilfen noch abzugreifen, bevor man den Laden dichtmacht.

Diese Entwicklung sollte die Regierenden in Schwerin aber kaum überraschen. Bei jedem Eigentümerwechsel sprangen Land und Bund mit viel Geld in die Bresche, um eine Schließung der Werften zu verhindern und den Käufern einen Weiterbetrieb schmackhaft zu machen. So wurden hunderte Millionen Euro den verschiedenen Privatunternehmen hinterher geworfen, um gigantische schwimmende Casinos und ähnliches zu bauen, anstatt Wissen und Können der Arbeitenden dort in den Dienst der Gesellschaft zu stellen.

Hunderte Millionen Staatsgelder, die einmal mehr in den Schlund der Reichen und Besitzenden geflossen sind, statt der arbeitenden Bevölkerung in der strukturschwachen Region zu nützen. Genting wollte verhindern, für den Dezember seine Gehälter auszuzahlen. Aber: Der Mutterkonzern Genting Hongkong, im Eigentum des superreichen Malaysiers Lim Kok Thai mit einem Gesamtvermögen von mindestens 2,6 Mrd. Dollar, ist in den Jahren 2014 bis 2019 von 6.260 auf 16.200 Mitarbeiter angewachsen und hatte bis 2019 satte Umsatzerlöse zu verzeichnen. Wenn die Gehälter angeblich nicht mehr ausbezahlt werden können – wo sind Gentings Gewinne hingegangen? Und warum muss die Insolvenz auf den Bermuda-Inseln beantragt werden?!

Das Schicksal der MV Werften ist ein weiteres gutes Beispiel dafür, wie tief der deutsche Kapitalismus in der Krise steckt. Wichtige Industriezweige werden rücksichtslos verscherbelt, der Staat greift den privaten Eigentümern unter die Arme, doch am Ende ihres Profitpokers und im Angesicht von Pandemie und Wirtschaftskrise steht der Ausverkauf, die Zerschlagung ganzer Betriebe und die Fortsetzung der Deindustrialisierung.

Nur die Arbeiterklasse kann die zerstörerische Deindustrialisierung beenden!

Und doch, es gibt eine Alternative zur Schließung! Würden die Werften unter demokratischer Kontrolle der Arbeiter verstaatlicht und weitergeführt werden, könnten sie die Keimzelle für eine soziale und ökologische Wende für die Seefahrt sein. Fähren und Frachtschiffe mit ökologisch verträglichen Antrieben, Spezialschiffe für Forschung und Windkraft, sichere und gute Arbeitsplätze für die Beschäftigten,... All das wäre im Bereich des Möglichen, würde man mit dem herrschenden System kapitalistischer Unvernunft brechen! Stattdessen bleiben satte Gewinne aus Dividenden und Beteiligungen aus den fetten Jahren in den Taschen von Eigentümern und Aktionären, und verschlossene Werkstore und leere Konten für die Arbeitenden. Die MV Werften drohen ein weiteres Mahnmal der kapitalistischen Restauration in Ostdeutschland zu werden.

 

 

 

 

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