Heinz Hermann Thiele ist am 23. Februar in München gestorben. Der 79-Jährige war wohl einer der 6 reichsten Deutschen. Ganz genau weiß man dies nicht, denn er hatte eins mit den meisten Kapitalisten ganz gewiss gemeinsam – das Kapital lässt sich nicht in die Karten schauen. Die Zahlen schwanken zwischen 12 und 20 Milliarden.
Viel lässt sich nicht über die frühen Jahre des Juristen in Erfahrung bringen. 1969 beginnt er in der Patentabteilung bei Knorr-Bremse, steigt in dem Konzern immer weiter auf und ist ab 1985 im Vorstand. Schon ein Jahr später bekommt er 71% der Anteile des Unternehmens. Wieder zwei Jahre später, 1979, wird er dann Alleineigentümer des Unternehmens. Möglich war dies wohl durch einen Konflikt der beiden vorigen Anteilseigner, Thieles Durchsetzungsvermögen und jede Menge Kredite der Deutschen Bank, die ohne Gegenwert vergeben wurden. Er wandelte das Unternehmen zur Aktiengesellschaft um, strukturierte um und holte die ersten Großaufträge aus China. Das Unternehmen wuchs rapide, 2018 war es dann Weltmarktführer für Zug- und LKW-Bremsen. Thiele war bekannt dafür ein „harter Hund“, ein „eiskalter Geschäftsmann“ und erbitterter Feind der IG Metall zu sein.
 
Thieles überschwängliche Nachrufe in den bürgerlichen Blättern dieser Woche wären damit fast beendet, es fehlt eigentlich nur die Lufthansa-Affäre letztes Jahr, seine Plantage in Südafrika mit ungefähr 600 Angestellten und seine Rinderzucht in Uruguay. Insgesamt wird das Bild eines mächtigen reichen Mannes gezeichnet, der hart war aber erfolgreich. Alles in allem eine Darstellung von einem nicht besonders wohlhabenden „einfachen“ Juristen, der es geschafft hat durch Willensstärke und Härte zum Milliardär zu werden. Nach dem Motto: der deutsche American Dream wird durch preußische Tugenden erreicht.
 
Dieses Bild dürfte dem Thiele wohl gefallen haben, der häufig betonte, dass es ihm nicht um Geld sondern um den Erfolg ginge und den „festen Willen etwas ganz Großes zu erreichen“. Thiele war auch in den bürgerlichen Medien nie ganz unumstritten und dennoch ein Kapitalvertreter dessen Wort ein besonders Gewicht hatte. Der Großen Koalition war er letztes Jahr bei der Lufthansa-Rettung ein Dorn im Auge. Als der Staat mit über 9 Milliarden Euro in das Unternehmen einstieg hatte Thiele zuvor seine Anteile auf 15,5% ausgeweitet und drohte mit einem Veto die Hilfen zu kippen, um den Staat zu erpressen und die Staatsmilliarden einzustreichen, ohne staatliche Einmischung zuzulassen. Das Ergebnis: Lufthansa strich Milliarden Steuergelder ein, während zugleich zehntausende Stellen abgebaut wurden.
 
Thiele ließ sich von Altmaier und Scholz überreden dem Hilfspaket doch zuzustimmen. Schon anhand von diesem Beispiel lässt sich sehen auf welcher Seite Thiele und der deutsche Staat stehen. Stundenlange Gespräche waren mit Thiele notwendig, um das Unternehmen zu retten. Die 138.000 Stellen, die von dem vor 28 Jahren privatisierte Unternehmen abhängen, sollen angeblich auch ein Argument gewesen sein. Weshalb die Hilfsgelder dann nicht an Bedingungen geknüpft wurden, lässt sich keiner Arbeiterin und keinem Arbeiter bei Lufthansa erklären. Den viel wichtigeren Grund dürfte Klaus-Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft damals erklärt haben: „Für eine Exportnation wie Deutschland ist eine eigene Fluggesellschaft mit globalem Streckennetz unverzichtbarer Bestandteil der internationalen Wettbewerbsfähigkeit“.
 
Das Thiele kein Freund von Arbeitern war, dafür aber von hohen Renditen, stellte er sein Leben lang unter Beweis. So stieg Knorr-Bremse 2004 aus dem Unternehmerverband aus, damit die Tarifbildung wegfällt und so mussten die Arbeiter bei Knorr-Bremse statt der branchenüblichen 35 eben 42 Stunden arbeiten. 2020 wurden 4000 der 5.500 Mitarbeiter von Knorr-Bremse in Kurzarbeit geschickt, während ihm 200 Millionen Euro Dividende ausgezahlt wurden – eine „bescheidene“ Summe, so meinte er. Kurz nach seiner Lufthansa-Affäre wollte Thiele es dann noch einmal wissen: 60.000 Euro setze er in den Sand für die Beantragung einer einstweiligen Verfügungen beim Landgericht und beim Arbeitsgericht in Frankfurt gegen IG Metall Sekretär Hakan Civelek. Der hatte ihn kritisiert, weil er das 2016 gekaufte Knorr Werk Wülfrath in NRW 2019 schon wieder schließen und 350 Arbeiter entlassen wollte, trotz garantierter Abnahme von VW bis 2025/26. Die Arbeiter des Werkes und die IG Metall hatten bei der Übernahme auf Tarifbestandteile verzichtet. Der Verdacht, dass mit Knorr-Bremse nur Know-How gekauft werden sollte, lässt sich nicht aus dem Raum schaffen. Ohnehin hat es der Milliardär, der mitunter als deutscher Wirtschaftspatriot bezeichnet wird, nicht so mit dem deutschen Standort, schließlich arbeiten nur 18% von Knorr-Bremse in Deutschland.
 
Thiele ist deutlich mehr als weniger das, was man sich unter einem deutschen Kapitalisten vorstellt: Reich geworden durch die skrupellose Ausbeutung der Arbeiterklasse nicht nur in Deutschland, kritisierte Merkel von rechts bei der Flüchtlingspolitik, mit übergroßem Ego, palavert gerne über Parallelgesellschaftenvon Türken und wird so kurzzeitig zum Medienstar für die AfD. Er wäre nie im Stande gewesen zu erkennen, dass er der wirklich gefährlichen Parallelgesellschaft angehört, die sich auf Kosten der Armen und Arbeiter bereichert, als Hobby auf irgendwelchen Plantagen oder Farmen außerhalb Europas oder auch hier in Deutschland. Angeblich hatte er bis vor zwei Jahren, als er entschied, etwas kürzer zu treten, häufig eine 70-Stunden-Woche, in diesen Stunden „arbeitete“ er an seinem Willen etwas ganz Großes zu erreichen und setze damit ein Mahnmal für die Arbeiterklasse.
 
Die sozialistische Revolution ist längst überfällig und kommt für Thiele zu spät: Er wird leider keine 70 Stunden mehr für gesellschaftlich notwendige Arbeit verrichten können.
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