Seit fast drei Jahren bin ich an einer Fachschule für Sozialpädagogik in Hamburg. Ich mache die Ausbildung zum Erzieher und bekomme eigentlich fast täglich die Krise. Ob gestresste und überarbeitete Lehrer, mangelnde Unterrichtsqualität, Geldsorgen und das damit verbundene Gerenne von Amt zu Amt, überarbeitete Mitschüler, die arbeiten müssen, um die Ausbildung zu finanzieren, oder die Schule, die aus allen Nähten platzt: All das macht die schulische Ausbildung kaputt. Parallel dazu ist der Mangel an Erziehern und Kitas kein Problem von gestern, sondern existiert seit Jahren als Teil des Kita-Ausbaus. In etlichen Einrichtungen wird dieses Problem damit „gelöst“, dass die arbeitslose Bäckerin und der überforderte, altersarme Rentner angestellt über Zeitarbeitsfirmen auf viel zu viele Kinder aufpassen sollen. 

Gleichzeitig wird versucht, mit allen Mitteln möglichst viele ausgebildete Erzieher in kurzer Zeit auf den Arbeitsmarkt zu bringen, ohne die Ressourcen dafür bereitzustellen. Meine Schule ist nicht für wachsende Schülerzahlen ausgelegt, in den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Schüler aber dennoch verdoppelt – die Zahl der Lehrkräfte und Räumlichkeiten nicht. Weitere Beispiele sind die Schaffung der Sozialpädagogischen Assistenz (SPA), der erleichterte Zugang zur Ausbildung, die Bafög-Reförmchen oder die Schaffung eines Schnellkurses für Erzieher ohne reguläre Ausbildung. Und für den Arbeitsmarkt soll dann gelten: Fachkraft gleich Fachkraft. In der Statistik taucht der Beruf der SPA als ausgebildete Fachkraft auf, trotz geringer Qualifikation und einer Entlohnung, die mieser kaum geht.

Statt Ausbildung und Beruf aufzuwerten, wird mit diesen Maßnahmen die soziale Degradierung des Erziehers und die „Flexibilisierung“ der Arbeit vorangetrieben. Der Ausbau der Kitas wird gleichzeitig genutzt, um Personalkosten zu sparen und „flexible“ Anstellungsverhältnisse voranzutreiben. Diejenigen, die über den regulären, staatlichen Weg in den Erzieherberuf einsteigen, müssen nach ihrer Ausbildung oft noch Kredite abbezahlen oder während der Ausbildung arbeiten. Und klar ist es möglich, nach einer Ausbildung zur SPA noch den Erzieher dranzuhängen, aber viele können sich das ohne Ausbildungsvergütung nicht leisten. Und selbst wenn man einen Kredit aufnimmt – auf die Ausbildung folgt auch nur das niedrige Gehalt des Erziehers.

Erzieherinnen und Erzieher in die Offensive!

Die Maßnahmen, die die Politik ergriffen hat um den Mangel an Kitaplätzen zu beheben, beweist nur, dass ihre Interessen nicht die unseren sind. Wir können uns nicht auf Berlin oder den Senat verlassen, wir müssen selbst für gutes Gehalt und die Qualität von Ausbildung und Beruf kämpfen. Die Selbstorganisation und Streiks der Kolleginnen, Kollegen und Auszubildenden sind der einzige Weg, auf dem wir das erreichen können. Auch bisher waren sie die einzigen Maßnahmen, die die Krise im Bereich Erziehung an die Öffentlichkeit gebracht und zumindest geringfügig für Aufwertung und Solidarisierung der Eltern sorgen konnten. Trotzdem ist die ver.di-Führung im letzten Streik weit hinter dem zurückgeblieben, was möglich gewesen wäre. Die vorhandene Kampfkraft wurde nicht ausgeschöpft – weder was die Mobilisierung der Kolleginnen und Kollegen angeht, noch die öffentliche Wahrnehmung des Streiks. Denn der desaströse Personalnotstand in den Kitas ist nur ein Teil im ganzen Puzzle des Notstands der öffentlichen Versorgung – vom Personalmangel und der würdelosen Behandlung in Krankenhäusern, über Schulen bis hin zur Altenpflege. Eine deutliche Verbesserung der Situation der Auszubildenden wurde darum im Tarifabschluss nicht erreicht.

Vereinzelung im Kampf gegen (Kinder-)Armut

Nicht nur an der fehlenden Vergütung, auch am Inhalt der Ausbildung muss etwas geändert werden. Ein großer Teil der Ausbildung dreht sich um die Förderung und Entwicklung des Kindes als Individuum. Auch die Forschung zum Thema Resilienz – auf Deutsch zur Widerstandskraft des Einzelnen gegen Risikofaktoren wie Verlust, Behinderung oder Armut) – hat einen individuellen Fokus. Klar kann schon in der frühen Erziehung gefördert werden, mit Armut umzugehen, in einer kleinen verlotterten Bude zu hausen, nur das billigste und wenig zu konsumieren – kurz: Ein Erzieher in schulischer Ausbildung zu sein. Aber weil ständig nur auf das Individuum geschaut wird, treten die Gemeinsamkeiten der Kinder und jungen Menschen in einer solchen Lage in den Hintergrund. Ob Kinderarmut oder Armut durch Ausbildung – „Risikofaktoren“ fallen nicht vom Himmel! Kinderarmut begegnen wir als Erzieher später nicht am besten mit der besten Bewältigungsstrategie für die Kinder. Kinderarmut wird durch die Ausbeutung ihrer Eltern ausgelöst. Armut gehört bekämpft! Mangelnder Ausbildungsvergütung und schlechten Zuständen begegnen wir nicht am besten durch Verzicht oder Nebenjobs, sondern durch den Kampf um Ausbildungsvergütung und mehr und besser geschultem Lehrpersonal!

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