Vor genau 190 Jahren, am 21. November 1831, begann der bewaffnete Aufstand der Seidenweber von Lyon – der erste offen revolutionäre Massenkampf des Proletariats in der modernen Geschichte. Von Friedrich Engels schlicht als „erster Arbeiteraufstand“[1] bezeichnet, wurde er über Jahrzehnte zu einem zentralen Bezugspunkt für die entstehende Arbeiterbewegung. Auch heute, knapp zwei Jahrhunderte später, kann es lehrreich sein, auf diesen Aufstand und seine historische Bedeutung zurückzublicken.

Seidenindustrie und Frühproletariat in Lyon

Die französische Stadt Lyon, zwischen den Flüssen Rhône und Saône im Südosten des Landes gelegen, war seit dem ausgehenden Mittelalter das Zentrum der europäischen Seidenindustrie gewesen. Über Jahrhunderte hatten die reichen Lyoner Seidenfabrikanten mit ihren Produkten eine internationale Monopolstellung inne: Sie ließen Rohseide aus Italien oder den Ländern der Levante einkaufen, sie in Lyon zu Fertigprodukten verarbeiten und exportierten ihre Ware anschließend in weite Teile Nord- und Osteuropas. Schon unter der Herrschaft des feudalen Absolutismus – vor der Großen Revolution von 1789 – hatten sich hier frühkapitalistische Verhältnisse herausgebildet. Einer kleinen, wohlhabenden Handelsbourgeoisie stand ein zahlenmäßig großes Manufakturproletariat gegenüber (bereits 1788 wurde die Zahl der „Arbeiter“ auf 40.000 beziffert), und schon 1744 und 1786 kam es zu kleineren Weberaufständen.[2]

Die Seidenverarbeitung organisierte sich nach dem für die damalige Textilindustrie üblichen Verlagssystem: Ein Handelskapitalist, der „marchand-fabricant“, kaufte Rohseide ein und ließ sie über Kommissionäre an Meister verteilen. Diese Meister waren Besitzer kleiner Werkstätten mit ca. zwei bis acht Webstühlen und verarbeiteten mit Hilfe einiger bei ihnen angestellter Gesellen das Rohprodukt zu Seidenstoffen. Von dem Lohn, den die Meister dafür von den Fabrikanten erhielten, mussten sie die Produktionskosten, ihren Lebensunterhalt und den Lohn (sowie gegebenenfalls die Unterbringung und Verpflegung) der angestellten Arbeiter bezahlen.

Die eigentlichen Produzenten – die kleinbürgerlichen Meister und ihre frühproletarischen Gesellen – standen gegenüber dem Unternehmer nahezu immer auf der gleichen Seite der sozialen Barrikade; sie bildeten zusammen die Masse der arbeitenden Bevölkerung. Zu Beginn der 1830er Jahre standen wenigen hunderten Fabrikanten (1831 belief sich ihre Zahl auf 392) etwa 8000 Meister und 30.000 Arbeiter gegenüber.[3] Mit modernen Industriearbeitern, wie wir sie aus heutigen Großfabriken kennen, hatte das Frühproletariat der Lyoner Seidenindustrie wenig gemein. Beide Hauptklassen – Proletariat und Bourgeoisie – waren in ihrer damaligen Gestalt noch stark von den Einflüssen des vorindustriellen Manufakturwesens geprägt. Die fortschreitende kapitalistische Entwicklung sollte allerdings auch diese Schichten in Bewegung bringen.

Ursachen des Aufstands

Im Laufe der 1820er Jahre geriet die Lyoner Seidenindustrie zunehmend in eine strukturelle Krise. Durch die gegenüber Frankreich stärkere industrielle Entwicklung Englands und des preußischen Rheinlandes verloren die Lyoner Fabrikanten ihr Weltmarktmonopol. Seide ließ sich jetzt in Macclesfield, Krefeld oder Köln mit Hilfe von Dampfkraft günstiger verarbeiten als in Lyon. Schon 1826 und 1828/29 war es deshalb zu Massenarbeitslosigkeit und Hunger gekommen. Aber selbst wenn die Arbeiter Beschäftigung fanden, reichten ihre Löhne bei weitem nicht aus, um ihre Existenz zu sichern: Jährlichen Lebenshaltungskosten von um die 600 Franken standen Durchschnittslöhne von ca. 450 Franken oder weniger entgegen – bei Seidenwebern ohne Familie![4]

Die bürgerliche Julirevolution von 1830, in der Arbeiter in Paris und weiteren Städten die Vorhut der Straßenkämpfer gestellt hatten, brachte keine Verbesserung. Im März 1831 erhöhte die jetzt alleine herrschende Finanzbourgeoisie sogar mehrere direkte Steuern für die Arbeiterklasse.

Auf die immer drückendere soziale Situation reagierten die Lyoner Arbeiter im Oktober 1831 mit mehreren Massenversammlungen und einem Brief an den Präfekten des Rhônedepartements Louis Bouvier-Dumolard, einen alten Beamten aus der Zeit des napoleonischen Kaisertums. Unter dem Vorsitz Bouvier-Dumolards trat am 25. Oktober eine Kommission aus Vertretern der Fabrikanten und der Arbeiter zusammen, die die Annahme der Hauptforderung der Arbeiter beschloss: Die Festlegung eines Mindesttarifs für die Löhne der Seidenweber. Die Fabrikanten aber – weit davon entfernt, ihr Wort zu halten – richteten ein Protestschreiben an die Deputiertenkammer in Paris, in dem sie sich entschieden gegen das Inkrafttreten des Tarifs aussprachen und behaupteten, die Annahme desselben sei nur unter der Drohkulisse versammelter Arbeitermassen vor dem Sitzungsgebäude der Kommission erfolgt. Tatsächlich trat der Tarif, der ab dem 1. November gelten sollte, nicht in Kraft.

Dieser Wortbruch verstärkte die Unzufriedenheit der Arbeiter. Die werktätige Bevölkerung Lyons – Meister wie Gesellen – geriet in einen Zustand offener Gärung. Am 20. November wurden auf einer Massenversammlung in der fast ausschließlich von Seidenwebern bewohnten Vorstadt Croix-Rousse die Einstellung der Arbeit und ein Demonstrationszug in die Stadt für den nächsten Tag beschlossen, um die Einhaltung des Tarifs zu erzwingen. Bouvier-Dumolard und sein Militärkommandant Roguet ließen im Gegenzug alle fünf Stadttore in Richtung des Arbeiterviertels mit Nationalgardisten besetzen, um das Eindringen der Demonstration in das Stadtinnere zu verhindern. Ein bewaffneter Zusammenstoß war vorprogrammiert.

Der Verlauf der Kämpfe

Als am Morgen des 21. November etwa 300 – 400 Seidenweber dem Stadtkern entgegenzogen, entbrannten die ersten Kämpfe mit heranrückenden Nationalgardisten. Nur mit Stöcken, Steinen und Fäusten ausgestattet, schlugen die Arbeiter ihre Gegner in die Flucht und begannen sowohl in den Zufahrtsstraßen zum Stadtzentrum, als auch in Croix-Rousse Barrikaden aufzubauen, Häuser zu besetzen und Waffen zu sammeln. Bis zum späten Abend wehrten die Arbeiter mehrere Angriffe von Linientruppen und Nationalgarde auf Croix-Rousse ab. Dabei gelang ihnen zwischenzeitlich sogar die Gefangennahme von Bouvier-Dumolard und General Ordonneau, dem Chef der Nationalgarde, die sie jedoch bereits nach wenigen Stunden wieder freiließen.

Am Folgetag weitete der Arbeiteraufstand sich auf die Vorstädte Les Brotteaux, La Guillotiere und Saint-Just aus und es gelang den Arbeitern, mehrere Waffenkammern zu erobern. Immer mehr Teile der Nationalgarde, die vornehmlich aus kleinbürgerlichen und proletarischen Elementen bestanden, ließen sich entwaffnen oder liefen zu den Aufständischen über. Als Speerspitze der Kämpfe zogen die Bewohner von Croix-Rousse an diesem Tag zum ersten Mal mit einer großen schwarzen Fahne mit der Aufschrift „Vivre en travaillant ou mourir en combattant“ („Arbeitend leben oder kämpfend sterben“) in die Scharmützel. Diese Fahne und ihre Losung ist bis heute das bekannteste Symbol des Lyoner Seidenweberaufstandes.

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„Als Speerspitze der Kämpfe zogen die Bewohner von Croix-Rousse an diesem Tag zum ersten Mal mit einer großen schwarzen Fahne mit der Aufschrift „Vivre en travaillant ou mourir en combattant“ („Arbeitend leben oder kämpfend sterben“) in die Scharmützel.“

Am 23. November – nach nur zwei Tagen harter Kämpfe – befahl General Roguet den Rückzug der Linientruppen und der verbliebenen Nationalgardisten aus der Stadt. Die Lyoner Arbeiterklasse hatte militärisch gesiegt! Zum ersten Mal kontrollierten bewaffnete Arbeiter eine große Stadt.

Ein verschenkter Sieg

Am stärksten überrascht von ihrem Erfolg waren die Arbeiter Lyons wohl selbst. Ihr Kampf war das Ergebnis eines spontanen Widerstands gegen den Umgang der Fabrikanten mit dem Tarif gewesen. Niemals hatten sie eine echte politische Führung gehabt, geschweige denn ein inhaltliches Programm, das über die Forderung nach Linderung ihrer materiellen Not hinausging. Es war nicht ihre Absicht gewesen, die Fabrikanten oder den Präfekten aus der Stadt zu jagen – sie hatten nur höhere Löhne und ein erträgliches Auskommen gefordert. Dementsprechend wenig wussten sie mit ihrer neugewonnenen Macht anzufangen.

Statt – wie von den Fabrikanten gefürchtet – die Villen der Reichen zu plündern, das Geld der Kredithäuser zu beschlagnahmen oder eine revolutionäre Regierung auszurufen, setzten die Arbeiter alles daran, die öffentliche Ordnung der bislang Herrschenden zu erhalten. Banken und Fabrikanten-Wohnsitze wurden mit Wachen vor Plünderungen geschützt, auf Diebstahl wurde die Todesstrafe gesetzt, aus den Gefängnissen wurden lediglich die Schuldner befreit, nicht aber verurteilte Verbrecher. Die Aufforderung einiger kleinbürgerlicher Demokraten nach Ausrufung der Republik und Durchsetzung energischer Maßnahmen wie der Unterbrechung des Postverkehrs nach Paris wurde einhellig abgelehnt – man habe schließlich nur für soziale Forderungen gekämpft, nicht für politische. Über solche Milde waren selbst die Vertreter der Besiegten erstaunt. Ein Staatsanwalt meldete dem Justizminister: „Immer der gleiche Gehorsam der Arbeiter den Behörden gegenüber, immer der gleiche Eifer bei der Aufrechterhaltung der Ruhe.“[5]

Zwar bildeten die Arbeiter gemeinsam mit Republikanern für einige Tage eine „provisorische Stadtregierung“, doch alle Behörden sollten im Amt bleiben und Bouvier-Dumolard wurde zur Rückkehr und Wiederaufnahme seiner Amtsgeschäfte aufgefordert. Diesen Leichtsinn ließen die Herrschenden selbstredend nicht ungestraft: Schon am 3. Dezember rückten 20.000 Soldaten unter Führung des Herzogs von Orléans und des Kriegsministers Marschall Soult in Lyon ein, um die Arbeiter zu entwaffnen und die alten Machtverhältnisse wiederherzustellen. Nach nur etwas mehr als einer Woche endete damit dieses erste, kurze Beispiel einer Machteroberung durch Arbeiter.

Lehren für die Arbeiterbewegung

So ohnmächtig der Lyoner Arbeiteraufstand von 1831 letztlich auch gewesen sein mag, so sehr versetzte er die herrschenden Klassen Frankreichs und Europas doch in nacktes Grauen vor der bis dahin unbekannten „roten Gefahr“. Am 8. Dezember schrieb etwa das regierungsnahe „Journal des Débats“, nachdem es einen „Kampf innerhalb der Gesellschaft zwischen der Klasse der Besitzenden und der Klasse der Besitzlosen“ konstatiert hatte: „Die Barbaren, die die Gesellschaft bedrohen, befinden sich weder im Kaukasus noch in den tatarischen Steppen; sie befinden sich in den Vierteln unserer Industriestädte.“[6] General Bugeaud, der in Paris 1834 – nachdem die Lyoner Arbeiter einen zweiten Aufstand gewagt hatten – eine Arbeitererhebung niederschlagen ließ, äußerte in einem Brief an Adolphe Thiers (jener Thiers, der knapp 40 Jahre später zum Schlächter der Kommune wurde): „Welche brutalen und wilden Tiere. Wie kann Gott den Müttern erlauben, so etwas auf die Welt zu bringen? Das sind unsere wahren Feinde, nicht die Russen, nicht die Österreicher.“[7] Dieser triefende Hass der Herrschenden zeigt nur zu gut, welchen geschichtlichen Wendepunkt der erste Lyoner Arbeiteraufstand im Bewusstsein seiner Zeitgenossen verkörperte.

Für die junge französische Arbeiterklasse waren die Ereignisse in Lyon ebenfalls ein einschneidender Markstein. Mit voller Wucht hatten sie die Bedeutung der „sozialen Frage“ für jede künftige Opposition gegen das herrschende Regime in den Vordergrund gerückt. Immer mehr linke Republikaner, etwa der junge Louis-Auguste Blanqui, begannen jetzt, ihre alten jakobinischen Ideen mit den sozialen Interessen der Arbeiter zu verknüpfen und entdeckten dabei die fast vergessene Tradition Babeufs, des in den 1790ern wirkenden ersten utopischen Kommunisten, wieder. Der gewaltige Aufschwung des revolutionären Arbeiterkommunismus im Frankreich der 1830er Jahre war unter anderem eine direkte Folge der Kämpfe in Lyon 1831 und 1834.[8]

Dass die Lyoner Arbeiter ihren Sieg so fahrlässig aus den Händen gegeben und eine solche politische Naivität an den Tag gelegt hatten, war Ausdruck der unreifen materiellen Bedingungen ihrer Zeit. Die den modernen Kapitalismus prägenden Klassengegensätze standen erst am Beginn ihrer Entwicklung und selbst die halb-proletarischen Handwerksgesellen in ihren kleinen Werkstätten bildeten eine verschwindend geringe Minderheit in einer mehrheitlich agrarisch geprägten Gesellschaft. Dennoch bewies der Lyoner Aufstand erstmals klar, dass die sozialen Instinkte der Arbeiterklasse die Triebkraft der Revolutionen des kapitalistischen Zeitalters sind.

Zugleich zeigte er, dass für den Sieg des Proletariats mehr nötig ist als ein „spontaner Aufstand“, und für seine Niederlage mehr verantwortlich als sein mangelndes Bewusstsein: Um zu siegen braucht es heute eine revolutionäre Führung, die bewaffnet mit dem Programm des Marxismus die Macht übernimmt und sie gegen die Angriffe der Reaktion verteidigt.

Mit reiferen kapitalistischen Verhältnissen ging in den Jahrzehnten nach den Lyoner Ereignissen auch eine größere Reife der Arbeiterbewegung und ihrer Ideen einher. Schon die Pariser Kommunarden 1871 verzichteten nicht mehr auf den Aufbau einer revolutionären Staatsmacht in der von ihnen kontrollierten Stadt. Sie hatten erkannt, dass die dauerhafte Durchsetzung sozialer Verbesserungen an politische Macht und an eine grundlegende Umgestaltung der Gesellschaft geknüpft ist. Der Marxismus schließlich entwickelte aus all diesen Erfahrungen ein geschlossenes revolutionäres Programm für den Sturz der Bourgeoisie, die Abschaffung des Kapitalismus und den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft, in der die arbeitende Mehrheit der Bevölkerung Politik und Wirtschaft nach ihren Bedürfnissen leitet. Dass die Arbeiterbewegung solche Erkenntnisse gewinnen konnte, hat sie auch den Lehren aus den heroischen Kämpfen ihrer Vorahnen, beispielsweise der Lyoner Seidenweber von 1831, zu verdanken.

 

[1]Friedrich Engels: Einleitung zum „Anti-Dühring“, in: MEW Bd. 20, Berlin 1962, S. 24.

[2]Kurt Holzapfel: Der Lyoner Aufstand von 1831 – nationale und internationale Dimension, in: Ders. (Hrsg.): Die Lyoner Arbeiteraufstände 1831 und 1834, Berlin 1984, S. 25.

[3]Jewgeni W. Tarlé: Der Lyoner Arbeiteraufstand, in: Holzapfel, Kurt (Hrsg.): Die Lyoner Arbeiteraufstände 1831 und 1834, Berlin 1984, S. 113.

[4]Ebenda, S. 116.

[5]Ebenda, S. 140.

[6]Zitiert nach Holzapfel, Kurt: a. a. O., S. 45.

[7]Zitiert nach Holzapfel, Kurt: a. a. O., S. 30.

[8]Friedrich Engels beschrieb diese Entwicklung 1843 so: „Während dieser Zeit (1834/35) kam unter den republikanischen Arbeitern eine neue Doktrin auf. Sie erkannten, daß sie sogar im Falle des Gelingens ihrer demokratischen Pläne auch weiterhin von ihren begabteren und gebildeteren Anführern geprellt werden würden und daß ihre soziale Lage, die Ursache ihrer politischen Unzufriedenheit, sich durch keinerlei politischen Wechsel verbessern würde. Sie gingen auf die Geschichte der großen Revolution zurück und griffen begierig Babeufs Kommunismus auf. Das ist alles, was man mit Sicherheit über den Ursprung des modernen Kommunismus in Frankreich sagen kann; zuerst wurde die Sache in den dunklen Straßen und übervölkerten Gassen der Pariser Vorstadt Saint-Antoine erörtert, bald darauf in den Geheimversammlungen von Verschwörern.“ (MEW Bd. 1, Berlin 1956, S. 484 – 485).

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