Erschienen in: Die Kommunistische Fraueninternationale 2. Jahrgang, Heft 9/10 September/Oktober 1922, S. 651-657

Eine der wichtigsten Fragen, die der bevorstehende IV. Kongress der Kommunistischen Internationale zu prüfen und zu entscheiden haben wird, ist unstreitig die der Arbeiterregierung. Sie ist aufgeworfen worden durch die Forderung der proletarischen Einheitsfront, deren unabweisbare Notwendigkeit und überragende Bedeutung mit zunehmender Klarheit hervortritt, angesichts der sich verbreiternden und verschärfenden Offensive der Weltbourgeoisie. Die Losung der Arbeiterregierung wächst organisch heraus aus dem Kampf, in dem die Massen der schaffenden Frauen und Männer ihre nackte Existenz, ja ihr Leben selbst gegen die unersättliche Profitgier der ausbeutenden Kapitalisten verteidigen müssen.

Die schwarze Not dieser geschichtlichen Stunde ruft erschütternd, zornig nach diesem Kampf. Soll er mit Erfolg geführt werden, immer weiter greifen nach seinem Umfang, immer höher hinauf nach seinem Ziel, so bedarf es der eigenen Arbeits- und Kampfesorgane der ausgebeuteten Massen, die aus Zersplitterung und Selbstzerfleischung sich zu einheitlicher, geschlossener Macht zusammenballen müssen. Betriebsräte, Kontrollausschüsse, Aktionskomitees usw. entstehen. Allein das Wirken solcher Organe wird sich in den bescheidensten Grenzen halten, schlimmer noch: es wird auf Schritt und Tritt gelähmt, in rechter Weise unmöglich, die Räte und Ausschüsse selbst werden abgewürgt, wenn die Regierungsgewalt in den Händen der ausbeutenden Minderheit bleibt. Auch die verzücktesten Schwärmer für die „Demokratie“, für die „Arbeitsgemeinschaft“ von „maßvollen, vernünftigen“ Arbeiterführern und „verständnisvollen, wohlmeinenden“ Beauftragten der Bourgeoisie in der Regierung, werden diese Lehre aus bitterer Erfahrung lernen.

Es ist und bleibt so: entweder hat die Bourgeoisie die Regierung in der Hand und nutzt die Regierungsgewalt in ihrem Klasseninteresse aus, d. h. gegen die schaffenden Massen oder aber die Arbeiter regieren und bedienen sich der Regierungsmaschinerie ebenfalls in ihrem Klasseninteresse, d. h. gegen die profittolle Bourgeoisie. Eine „ausgleichende Gerechtigkeit“ gibt es da nicht. Das Walten aller so genannten „Koalitionsregierungen“ von Bourgeois- und Arbeiterparteien hat es sinnenfällig bestätigt. Ob es sich dabei um „große“ oder „kleine“ Koalitionen handelt, um eine mehr oder weniger scharfe Abgrenzung nach links oder nach rechts, das kann wohl eine zu beachtende Abschwächung oder Verschärfung dieser Grundtatsache bewirken. An ihr selbst, an ihrem Wesenskern ändert es nichts, zumal in diesen Zeitläuften, wo der Verfall des Kapitalismus die Gegensätze zwischen den Klassen tiefer und tiefer aufreißt und das Ringen zwischen ihnen heißer, erbitterter macht.

Die Besetzung einzelner Regierungsposten mit Arbeiterführern ist keineswegs gleichbedeutend mit Eroberung politischer Macht durch das Proletariat. Sie kann ein Trinkgeld für einzelne sein oder ein Almosen für die Klasse, stets bleibt sie dem von der Bourgeoisie verfolgten Zweck nach ein Mittel zur Täuschung und Korrumpierung des Proletariats. Nur eine Regierung, die ausschließlich aus Vertretern der Arbeiterparteien und Arbeiterorganisationen zusammengesetzt ist, die Proletarier der Kopfarbeit eingeschlossen, verdient den Namen der Arbeiterregierung. Denn eine solche Regierung kann nur entstehen als eine Frucht starker, klassenbewusster Bewegungen und Kämpfe, in denen die ausgebeutete Mehrheit der ausbeutenden Minderheit entgegentritt, und die Existenz einer solchen Regierung bringt einen Machtzuwachs des Proletariats zum Ausdruck. Dieser aber allein, festgehalten und verteidigt mit allen verfügbaren und gebotenen Mitteln, ist die sichere Grundlage dafür, dass eine Arbeiterregierung ihr historisches Lebensrecht erweist, indem sie konsequent und energisch eine Politik betreibt, deren Leitmotiv das Wohl der Schaffenden ist und nicht der Gewinn der Reichen, die sich aneignen, was andere schufen.

Gewiss: Die Arbeiterregierung bedeutet einen politischen Machtzuwachs des Proletariats, jedoch sie ist durchaus nicht auf gleiche Stufe zu stellen mit der Eroberung der politischen Macht, der Staatsgewalt durch das Proletariat, und mit der Aufrichtung seiner Diktatur. Damit das Proletariat die politische Macht behaupten und in vollem Umfange seiner Befreiung dienstbar machen kann, muss es den bürgerlichen Staat und seine Machtapparate zerschlagen. Die bürgerliche Staatsmaschinerie entspricht ihrem Wesen nach den Herrschaftszwecken der besitzenden und ausbeutenden Klassen. Sie ist untauglich für die Befreiungsziele des Proletariats. Ihr Charakter ändert sich nicht dadurch, dass eine andere Klasse den Apparat in die Hand nimmt und funktionieren lässt. Das Proletariat muss in der Räteordnung den Staat seiner Klassenmacht und Klassenherrschaft mit den erforderlichen Organen schaffen.

Die Arbeiterregierung hingegen vernichtet den bürgerlichen Staat nicht, und es wäre eine gefährliche Selbsttäuschung, wenn die Arbeiter sich einreden wollten oder einreden ließen, die Arbeiterregierung vermöge es, den bürgerlichen Staat „von innen auszuhöhlen“. So wenig die Macht der Bourgeoisie in der Wirtschaft ausgehöhlt werden kann, so wenig kann das im Staat geschehen. Ihre Macht muss da wie dort kämpfend überwunden, zerbrochen werden, und das kann nur die Gewalt des Proletariats als Klasse erreichen, niemals die Klugheit der klügsten Regierung. Die Arbeiterregierung ist der Versuch, den bürgerlichen Staat innerhalb seiner geschichtlichen Wesensgrenzen in den Dienst der proletarischen Klasseninteressen zu zwingen.
Die Losung der Arbeiterregierung knüpft mithin an die Illusionen an, die breiteste Massen des Proletariats und erst recht der neu proletarisierten Schichten über das Wesen und den Wert des bürgerlich-demokratischen Staats hegen. Sie ist eine politische Losung der Übergangszeit vom Kapitalismus zum Sozialismus, Kommunismus, und spiegelt zweierlei ab. Erstens, wie unklar und unfertig noch die Erkenntnis der Mehrheit des Proletariats von der Natur der bürgerlichen Gesellschaft, ihres Staats und von den geschichtlichen Bedingungen der eigenen Befreiung als Klasse ist. Zweitens, dass eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses zwischen Bourgeoisie und Proletariat zu dessen Gunsten begonnen hat, dass die Verschiebung jedoch noch nicht beendet und das jeweilig neue Kräfteverhältnis schwankend, veränderlich ist, weil die Unreife der proletarischen Erkenntnis die volle, rücksichtslose Machtentfaltung der Arbeiterklasse im revolutionären Kampfe verhindert.

Es ist klar, dass eine Situation, die im Zeichen der beiden hervorgehobenen Umstände steht, voller Schwierigkeiten und Gefahren für die einzelnen nationalen Sektionen der Kommunistischen Internationale ist und damit für die Proletarier aller Länder selbst, zu deren Führerschaft sie berufen wurde. Kann, ja muss die Losung der Arbeiterregierung nicht im Lager der Kommunisten verwirrend wirken, die Ziel- und Wegsicherheit erschüttern, unrichtigen Kräfteeinsatz und damit Kräftevergeudung herbeiführen und so die Fähigkeit vermindern, den Massen der Enterbten mit festen Schritten auf der richtigen Bahn voraus zu schreiten? Können, ja müssen nicht durch diese Losung die alten, verderblichen bürgerlichen und reformistischen Illusionen in der Arbeiterklasse neue Nahrung erhalten und gestärkt werden, deren gründliche Ausrottung mit Stumpf und Stiel Aufgabe der Kommunisten ist? Wird mit dem allem nicht der Klärungs- und Selbstverständigungsprozess der Proletarier aufgehalten, der doch die unbedingte Voraussetzung dafür bildet, dass diese zur Vernichtung des sie ausbeutenden und versklavenden Kapitalismus ihre ganze Kraft an die Eroberung der politischen Macht und die Aufrichtung ihrer eigenen Diktatur setzen?

Die Entscheidung dieser Fragen ist von großer verantwortungsschwerer Tragweite. Der Kernpunkt der Sache ist nicht die Unterstützung einer Arbeiterregierung durch eine Kommunistische Partei, vielmehr der Eintritt von Kommunisten in die Regierung selbst um damit die Übernahme der Mitverantwortlichkeit für deren Politik. Je nach den gegebenen Verhältnissen kann die unbedingte Bejahung der Frage und damit die Ablehnung der Arbeiterregierung die kommunistischen Parteien von den Massen der Werktätigen trennen, kann deren wachsendes Vertrauen in uns erschüttern und zeitweilig ersticken, dass wir stets und überall unter ihnen stehen und ihnen voranstürmen, wenn es gilt, den raffgierigen Kapitalismus und seine Macht zu bekämpfen. Verwerfen wir die Arbeiterregierung, so werden bürgerliche und reformistische Quacksalber den Arbeitern die Lüge vorschwätzen, es sei uns nicht ernst mit all den Forderungen, die wir zur Linderung der brennendsten Tagesnöte der Ausgebeuteten und Bedruckten erheben, denn wir verzichteten darauf, die Macht zu schaffen, die sie durchzusetzen imstande wäre. Es kann uns dadurch in bestimmten Augenblicken erschwert, ja verunmöglicht werden, höchste Aktivität zur Aktivisierung der Massen zu entfalten. Wenn die Kommunistische Internationale die aufgeworfenen Zweifelsfragen unbedingt verneint und die Losung der Arbeiterregierung ausgibt, so ist nicht ausgeschlossen, dass die und jene ihrer Sektionen der Gefahr erliegt, das Zustandekommen einer Arbeiterregierung mit der Preisgabe wesentlicher Parteipostulate und unerlässlicher Bedingungen einem starken, klassenbewussten, proletarischen Politik zu erkaufen; um der „Rettung“ einer Arbeiterregierung willen mit ihrem Namen und Ruf eine Politik der Feigheit und des Verrats zu decken. Das aber würde nicht bloß die Partei kompromittieren, sondern den Kommunismus selbst.

So ist es begreiflich, dass in unserer Internationale nicht einmütige Zustimmung erklang, als die Exekutive die Losung: „Für die proletarische Einheitsfront“ dahin vervollständigte: „Für eine Arbeiterregierung“! Diese Schlussfolgerung aus dem Abwehrkampf gegen die große Offensive der Kapitalisten wird von nicht Wenigen heftig umstritten. Natürlich genug besonders von den Genossen und Genossinnen, die auch die proletarische Einheitsfront selbst ablehnen oder aber sich zwar mit den Lippen zu ihr bekennen, als zu einer bitteren Notwendigkeit, im Herzen jedoch ihre Praxis zum Teufel wünschen und möglichst zu vermeiden, einzuschränken suchen, gepeinigt von den Ängsten vor „Entgleisungen in den opportunistischen Sumpf.“ Die Gründe, auf die sich die Gegner der Arbeiterregierung berufen, sind überwiegend die gleichen, die sie aus jenen Ängsten heraus unter Hinweis auf die „besondere Lage“ in ihrer kommunistischen Partei, in ihrem Lande gegen die proletarische Einheitsfront ins Feld führen. Sie sind bei der Behandlung dieser Frage in den beiden letzten Heften dieser Zeitschrift erörtert worden, auf ihre Wiederholung kann verzichtet werden.

Allein gegen die Arbeiterregierung kann noch schwereres Geschütz aufgefahren werden, als Gründe der charakterisierten Art. Es sind die sehr bösen Erfahrungen, die das Proletariat verschiedener Länder mit so genannten Arbeiterregierungen gemacht hat. In Australien entstand auf dem Flugsand parlamentarischer Konstellation eine Arbeiterregierung, die danach war. Anstatt die Klassenmacht der Arbeiter zu steigern und zu festigen, fesselte und schwächte sie sie, und das nicht nur durch gesetzliche Bindungen, sondern durch Verwirrung und Trübung des proletarischen Klassenbewusstseins. Sie beglückte das Proletariat mit Schiedsgerichten und Schlichtungsämtern, die Lohnkämpfe und Streiks so gut wie unmöglich machten, wenigstens ungeheuer erschwerten und dadurch die Arbeiterschaft mit Ketten an Händen und Füßen der kapitalistischen Ausbeutung auslieferten. Im Allgemeinen betrieb die Arbeiterregierung eine Politik der Bettelsuppen für die Proletarier, der nahrhaften Gerichte für die Bourgeoisie. Sie bezahlte die Duldung ihrer Existenz mit der Unterwerfung unter diese.

Wahrhaftig um nichts rühmlicher — im Gegenteil! — sind die Taten der Arbeiterregierungen, die in Braunschweig, Thüringen, Sachsen als Koalition von Mehrheitssozialdemokraten und Unabhängigen das Staatsruder in der Hand hatten und noch haben. Die Politik dieser Regierungen war und ist ein abschreckendes Beispiel, wie eine Arbeiterregierung nicht sein darf. Sie haben von dieser nichts als den Namen, als das äußere Merkmal ihrer Zusammensetzung aus Vertretern der beiden reformistischen Arbeiterparteien Deutschlands. Ihre Politik kennzeichnet sie als bürgerlichen Wesens. Von dem Verzicht auf großzügige Maßnahmen zur Bekämpfung des Massenelends auf Kosten des Überflusses der großen Unternehmer, Händler, Schieber und Wucherer bis zu der Absperrung der sächsischen Kammer gegen Arbeiterdemonstrationen, der gewalttätigen Niederzwingung von Streikenden in Braunschweig, dem Einsetzen der „Technischen Nothilfe“, der vom Reich ausgehaltenen Streikbrecherorganisation, gegen ausständige Landarbeiter in Thüringen und die Verweigerung des Streikrechts für die Beamten, frei nach Groener und Wirth. Und das alles in einer Situation, die objektiv revolutionär ist und geradezu nach kraftvollstem Eintreten für die allseitigen Interessen des Proletariats schreit.

Die Spuren schrecken! Eine Kommunistische Partei würde Selbstmord begehen, wollte sie die bequemen, ausgetretenen Straßen der revolutionsscheuen reformistischen Arbeiterparteien und ihrer staatsmännelnden Knirpse in Arbeiterregierungen und „reinen“ sozialdemokratischen Regierungen wandeln. Jedoch genau untersucht sprechen die Schwächen, Torheiten und Verbrechen solcher bis nun bekannten Regierungen keineswegs unbedingt gegen eine Arbeiterregierung, wie sie nach der kommunistischen Auffassung aus Vorwärtsbewegung und Kampf großer proletarischer Massen geboren werden kann und in innigem Verbundenbleiben mit der Vorwärtsbewegung und dem Kampf dieser Massen leben und weben muss. Sie bescheinigen nur, dass die reformistischen Arbeiterparteien sich bisher als völlig unfähig erwiesen haben, wirkliche Arbeiterpolitik großen Stils zu treiben. In der gegenwärtigen geschichtlichen Stunde muss echte Arbeiterpolitik revolutionäre Politik sein, schärfste Kampfespolitik gegen die Bourgeoisie, auf die Machtstärkung des Proletariats eingestellt. Die Unter-Scheidemänner und Unter-Dittmänner haben bewiesen, dass — wie das italienische Sprichwort sagt — „die Kutte nicht den Mönch macht.“ Jedoch die Arbeiterregierung ist kein starrer, verknöcherter Begriff, der das politische Leben bezwingt. Sie kann vielmehr selbst ein Stück lebendigstes politisches Leben sein, wenn sie der unverfälschte Ausdruck des geschichtlichen proletarischen Klassenlebens ist und bleibt, der Ausdruck des sich regenden und entwickelnden Machtbewusstseins und Machtwillens der Werktätigen. Für eine solche Arbeiterregierung zu kämpfen, und wenn die Bedingungen dafür gegeben, sich an ihr zu beteiligen, kann für die kommunistischen Parteien Pflicht, Notwendigkeit sein.

Die vorliegenden Erfahrungen lassen mancherlei hell hervortreten, was von Bedeutung für die Stellungnahme zu der umstrittenen Frage ist. Es gibt verschiedene Typen, Arten der Arbeiterregierung, von einer Koalition eigentlicher Arbeiterparteien mit bürgerlichen Reformparteien bis zur „reinen“ sozialdemokratischen Koalition. Aber nicht jede Art Arbeiterregierung schlechthin kann auch nur Propaganda- und Sammlungslosung der Kommunisten sein, geschweige denn Kampfesobjekt. Entscheidend für die Stellungnahme der Kommunisten zu einer Arbeiterregierung ist nicht deren parteipolitische Zusammensetzung, sondern ihre betätigte Politik. Die Politik einer Arbeiterregierung aber wird letzten Endes bestimmt durch die Aktivität oder Passivität der proletarischen Massen, durch den Grad ihrer Erkenntnis- und Willensreife und dementsprechend ihres Machtgebrauchs. Das Proletariat hat die Arbeiterregierung, die es sich gefallen lässt.

Deshalb verrät es auch ungeschichtliches, mechanisches Denken, das bloß nach äußeren Formen und schematischen Formeln urteilt, wenn man im Namen der kommunistischen Grundsätze die Stellungnahme zur Arbeiterregierung davon abhängig macht, ob diese das Ergebnis revolutionärer Massenkämpfe ist oder aber die Frucht parlamentarischer Konstellation. So heiß wir die erstgenannte Möglichkeit wünschen, dürfen wir doch nicht übersehen, dass auch eine parlamentarische Konstellation die Auswirkung von vorwärts dringender Massenbewegung und Massenaktivität sein kann. Gewiss! Nur eine indirekte und abgeschwächte Auswirkung, aber doch Auswirkung proletarischen Klassenlebens. In England z.B. liegt die Möglichkeit nahe, dass es eines Tags auf parlamentarischem Wege zu einer Arbeiterregierung kommt, ohne vorausgegangene tiefe Erschütterungen und revolutionäre Kämpfe. Allein eine tatsächliche Umwandlung im Bewusstsein und in der Machtstellung des Proletariats muss trotzdem der parlamentarischen Folge vorausgegangen sein. Diese Umwandlung treibt zu konsequenter Arbeiterpolitik, die sich ohne harte Auseinandersetzungen mit der Bourgeoisie nicht durchsetzen lässt. So werden vermutlich in England heftige, revolutionäre Massenbewegungen nicht Wegbereiter einer Arbeiterregierung sein, wohl aber ihre Begleiter und Schützer.

Die Losung unserer Exekutive: „für die Arbeiterregierung“ begreift auch als letzte, unvermeidliche Konsequenz den Eintritt von Kommunisten in eine Arbeiterregierung in sich, ein Zusammenwirken, eine Teilung der Verantwortlichkeit mit Vertretern nichtkommunistischer Arbeiterparteien und Arbeiterorganisationen. Es ist nicht zu leugnen, dass schon die Betätigung für das Zustandekommen einer Arbeiterregierung, dass aber in noch weit größerem Maße die Beteiligung an ihr die Gefahr für die Kommunisten steigen kann, Gefangene eines banalen Opportunismus zu werden und die kommunistischen Grundsätze einer Politik kurzlebiger, billiger Tageserfolge zu opfern. Allein die Gefahr opportunistischer Versumpfung haftet nicht bloß dem Eintreten der Kommunisten für die Arbeiterregierung an, vielmehr jeder Betätigung ihrerseits, die über die Grenzen eines sektenhaften Betstübleins hinausgeht, das um der Reinheit halber klein bleiben soll.

Die hausmütterliche Sorge der Gefahrenvermeidung führt zum selbstgenügsamen Quietismus, zur unbefleckten Passivität, durch die eine kommunistische Partei sich von den proletarischen Massen isoliert, ihren lebendigen geschichtlichen Inhalt verliert und der Verknöcherung anheim fällt. Denn das Wesen, die Aufgabe kommunistischer Parteien ist, selbst höchste politische, revolutionäre Aktivität zu entwickeln und durch diese ihre eigene Aktivität die höchste Aktivität proletarischer Massen zur Entfaltung zu bringen, wie der Stahl den zündenden Funken aus dem Feuerstein herausschlägt. Es ist ganz und gar unkommunistisch, um unvermeidbarer Gefahren willen auf Arbeit und Kampf zu verzichten. Worauf es ankommt, ist mit Gefahren fertig zu werden. Die unzweifelhaft in der Situation und der Sache liegenden Gefahren, durch die Praxis der Arbeiterregierung in einen betriebsamen, unfruchtbaren Opportunismus zu verfallen, wirkt am erfolgreichsten zusammen mit der festen ideologischen und organisatorischen Geschlossenheit der kommunistischen Parteien und ihrer straffen Disziplin entgegen - stärkste, zielgerichtete Aktivität und innigste organische Verbindung mit den breiten proletarischen Massen.

Genau so ungeschichtlich wie der opportunitätserschrockene Verzicht auf die Arbeiterregierung ist die anschlussbange Auffassung, die Arbeiterregierung müsse unter allen Umständen eine. Übergangsstufe vom Bourgeoisstaat zum Arbeiterstaat sein, sie stelle einen unvermeidlichen und bei Lichte betrachtet nicht unangenehmen „Ersatz“ für die proletarische Diktatur dar. Die Arbeiterregierung kann zwar, aber sie muss keineswegs eine Übergangsstufe zur proletarischen Klassenherrschaft sein. Die Geschichte der russischen Revolution beweist es. Bei der ungeheuren Vertiefung der Klassengegensätze in den kapitalistisch hoch entwickelten Ländern und der wachsenden Verschärfung der Klassenkämpfe kann sich verhältnismäßig rasch eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses zwischen Bourgeoisie und Proletariat entwickeln, die unmittelbar zur Eroberung der Macht durch dieses führt und zur Aufrichtung seiner Diktatur. Mithin ist es auch ausgeschlossen, dass der Weltkongress der Kommunistischen Internationale die Arbeiterregierung als grundsätzliche Forderung proklamiert und als Kampfesobjekt, das unter allen Umständen errungen werden muss. Die Arbeiterregierung als „Diktaturersatz“ ist eine lächerliche Vorstellung, die vor lauter Klugmeierei übersieht, dass sich neuer Wein nicht in die alten Schläuche füllen lässt. Der geschichtliche Inhalt der proletarischen Diktatur muss den bürgerlichen Klassenstaat sprengen, auch den demokratischen bürgerlichen Klassenstaat.

In den weitaus meisten Ländern unter kapitalistischer Herrschaft erscheint die Arbeiterregierung, die Krönung der Taktik der Einheitsfront, als die Propaganda- und Sammlungslosung der Stunde. Die konkreten Verhältnisse jedes einzelnen dieser Staaten werden bestimmen, ob und unter welchen bindenden Bedingungen die Losung auch Kampfesziel sein kann. Es sind Lagen, Zusammenhänge denkbar, bei denen kommunistische Parteien auch unter sehr schwierigen Umständen für eine Arbeiterregierurig kämpfen und in sie gehen müssen. Die Bedingungen dafür werden sehr mannigfaltig und verschieden sein. Sie lassen sich nicht alle im Voraus durch allgemeine Richtlinien festlegen. Ausschlaggebend muss jedoch unter wie immer gearteten Umständen bleiben: die Reinheit der kommunistischen Physiognomie; die Selbständigkeit der kommunistischen Politik; die feste Verknüpfung mit den Massen; die Ausrichtung auf Vertiefung und Beschleunigung des Selbstverständigungsprozesses der Arbeiterklasse und damit auf ihre Machterweiterung. Selbstverständlich ist Voraussetzung für die durchgreifende Politik einer wahren Arbeiterregierung, dass diese sich auf die kampfgerüstete organisierte Macht der Arbeiter außerhalb des Parlaments stützt. Wo die Praxis der proletarischen Einheitsfront zur Arbeiterregierung drängt, da kann diese, richtig erfasst und richtig genutzt, ein Schritt vorwärts werden zur proletarischen Diktatur. Ob das der Fall sein wird, darüber entscheiden nicht bloß die gegebenen Umstände, sondern auch Einsicht und Wille der kommunistischen Parteien. Einsicht und Wille der kommunistischen Parteien, die zu bewegender Masseneinsicht und Massenwillen werden. Prüfen wir, handeln wir.

Clara Zetkin.

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