Im vergangenen November veröffentlichten mehrere Abgeordnete, Universitätsdozenten, Journalisten und Denker wie Silvia Federici und Justa Montero ein Manifest, in dem sie die Aufhebung des Verfahrens gegen die selbsternannte „Prostituiertengewerkschaft“ OTRAS forderten. Dieser Teil der feministischen Bewegung, der vorgibt die Rechte der Frauen zu verteidigen, die Opfer der Prostitution geworden sind, hat die Kampagne zugunsten der Darstellung der sexuellen Sklaverei als eine Arbeitstätigkeit „wie jede andere“ angeheizt.

Die Debatte um die Legalisierung von Prostitution hat auch alle politischen Akteure gezwungen, sich zu positionieren. Es ist weder ein Zufall, dass Ciudadanos und sein „liberaler Feminismus“ für die Legalisierung der Prostitution als Teil ihres neoliberalen Programms kämpfen, noch, dass die PSOE offiziell eine abolitionistische Position beibehält, obwohl sie in den Regierungen und Institutionen in denen sie sitzt keine Maßnahmen dagegen ergreift. Die PSOE hat keine wirksamen sozialen oder wirtschaftlichen Maßnahmen ergriffen, um die Hunderttausenden von weiblichen Opfern des Menschenhandels zu retten.

In diesem Artikel wollen wir die Position eines klassenkämpferischen und antikapitalistischen Feminismus erklären, wenn es um ein so grundlegendes Thema für die Frauenbefreiung geht.

Für die Rechte unterdrückter Frauen oder die Interessen der Zuhälter?

Es ist kein Zufall, dass sich die Debatte um die Prostitution auf die angebliche Verteidigung der Arbeitsrechte von prostituierten Frauen konzentriert. Die Kontroverse auf die Frage zu verschieben, ob Prostituierte ein Recht auf Gewerkschaftsbildung haben oder nicht, ist ein Weg, um die tatsächlichen wirtschaftlichen und politischen Interessen hinter diesem Thema zu verschleiern.

Um eine ausgewogene und realistische Sicht auf das zu erhalten, worum es geht, müssen wir konkret sein. Die Legalisierung der „Gewerkschaft“ OTRAS würde bedeuten, von der Hintertür aus zu akzeptieren, dass die Zuhältermafia und andere kriminelle Gangs rechtlich als Arbeitgeberverband anerkannt würden und dass ihr kriminelles Geschäft eine legale unternehmerische Tätigkeit wäre. Im Wesentlichen wäre es ein weiterer Schritt zur Legitimisierung und Legalisierung der Prostitution als wirtschaftliche Tätigkeit, die den Zuhältern soziale Legitimität verleiht, und diese so genannte Gewerkschaft würde sich zu einem Organ entwickeln, das die Beziehungen zwischen Frauenhändlern und dem Staatsapparat vertuschen soll. Diese Strategie wurde von kriminellen Netzwerken aus dem Sexgeschäft in verschiedenen Teilen der Welt umgesetzt.

Die im Jahr 2000 in Großbritannien gegründete International Union of Sex Workers (IUSW) hat kaum 150 Mitglieder auf der ganzen Welt. Das aktivste Mitglied der IUSW ist Douglas Fox, der Besitzer einer der größten Prostitutions-„Agenturen“ in England. Es ist kein Zufall, dass die IUSW keine arbeitsrechtlichen Ansprüche oder Streitigkeiten geltend gemacht hat und dass sie das Innenministerium dazu aufgefordert hat, eine Kampagne gegen den Menschenhandel fallenzulassen.

In Deutschland behauptet der Berufsverband Erotische und Sexuelle Dienstleistungen (BSD), ein Berufsverband zu sein, der die Zusammenarbeit der „Sexindustrie“ mit den Gewerkschaften der Prostituierten organisiert. Einer der Gründer, Holger Rettig, ist der Präsident des Arbeitgeberverbandes der Bordellen sowie Undine de Rivière und Tanja Sommer, zwei führende Persönlichkeiten der Organisation, die auch Bordellenbesitzer sind.

Dies ist die Strategie, die von der Sexindustrie und der Zuhälterlobby auf der ganzen Welt verfolgt wird. Das erklärt auch, warum Concha Borrell und Joaquín P. Donaire, Eigentümer von Aprosex, einer Unternehmensorganisation, die sich der Rekrutierung und Ausbildung von Prostituierten widmet, auch hinter der so genannten Prostituiertengewerkschaft stehen. Es ist eine Kampagne, die von der mächtigen Sexindustrie gefördert wird, um ein positives Klima für die Prostitution in einem Moment zu schaffen, in dem viele wirtschaftliche Interessen auf dem Spiel stehen.

Der sexuelle Missbrauch von Frauen ist weder progressiv noch feministisch

Der spanische Staat gehört kurz nach Thailand und Brasilien zu den drei wichtigsten Ländern weltweit für Sextourismus. Die Jonquera-Clubs haben die Grenze zu Frankreich zum größten europäischen Bordell gemacht. Laut Polizeiquellen gibt es mehr als 1700 sog. Single-Clubs im ganzen Land, die täglich fünf Millionen Euro Umsatz machen und in denen zwischen 400.000 bis 600.000 Frauen arbeiten müssen, die meist aus Rumänien, Bulgarien, Nigeria und der Dominikanischen Republik kommen.

Wie kann ein solches Unternehmen, theoretisch illegal, vom Finanzministerium, der Polizei und den Richtern unbemerkt bleiben? Der einzige Grund dafür liegt darin, wer von dieser Wirtschaftsstruktur profitiert: große Unternehmen mit Verbindungen zum nationalen und internationalen Bankwesen sowie die höchsten Bereiche der Politik, der Justiz und der Polizei. Die Legalisierung der Prostitution wäre der notwendige Schritt für die Ausweitung von Geschäften der Zuhältermafia und für das Reinwaschen ihrer Beziehungen zu Teilen der politischen und wirtschaftlichen Macht.

Das öffentliche und legale Angebot von Megabordellen im Rahmen des preiswerten Sextourismus an den Küsten des spanischen Staates, wo Zehntausende von Frauen in einer Vitrine angeboten oder gegen eine geringe Gebühr à la carte als Produkt zum Konsum angeboten werden, bringt uns die Barbarei, die es bereits dort gibt, wo Prostitution legalisiert ist, wie in Deutschland oder Nevada (USA). Es ist nicht möglich, die Realität dieser Prostitution, auf der das lukrative Geschäft sexueller Ausbeutung aufbaut, aus dem Kontext zu reißen.

Clubs, in denen Frauen zu einem Verhandlungsobjekt werden, um große Geschäfte unter Machthabern zu schließen oder die unkontrollierte Förderung aller Arten von sexueller Belästigung als „Dienstleistung“ nach dem Vorbild des deutschen Modells, sind das wahre Gesicht der Prostitution. Im Gegensatz zu dem, was die Befürworter der Regulierung uns glauben machen wollen, ist die Prostitution kein frei ausgehandelter wirtschaftlicher Austausch von Dienstleistungen, sondern eine Institution, die in ein Geschäftsmodell umgewandelt wurde, das soziale Beziehungen von Unterdrückung und Herrschaft reproduziert und unterhält.

Es ist unmöglich, von Freiheit oder Konsens zu sprechen, wenn ein Verhältnis extremer Ungleichheit zwischen denen, die die Macht zum Kauf haben, und denen, die dem Verkauf nachgeben müssen, hergestellt wird. Es ist unmöglich, Prostitution von Armut und sozialer Ausgrenzung und der Objektivizierung von Frauen zu trennen, weil dies ein integraler Bestandteil des Geschäfts ist: Männer glauben zu machen, dass sie das Recht haben, jede Frau im Austausch für ein paar Münzen zu „haben“. Was ist das, was bei der Bezahlung von Sex angestrebt wird, außer mit Geld das aufzuzwingen, was nicht durch Konsens erreicht wurde? Tatsächlich ist das, was die Freier kaufen, die mangelnde Entscheidungsfreiheit der anderen Seite.

Diese Realität kann nicht beschönigt werden. Wo sind die Rechte und die vermeintliche Würde der Prostituierten bei der Legalisierung ihrer „Tätigkeit“? Zu argumentieren, dass die Legalisierung ein Schutz für prostituierte Frauen wäre, bedeutet zu ignorieren wie gewaltsam die Verhältnisse sind, die die Prostitution für Frauen mit sich bringt, in denen sie als Objekte zum Missbrauch freigegeben werden. In der Welt der Prostitution sind die einzigen Rechte, die vorherrschen, die der Zuhälter auf den Frauenhandel und die der Freier auf deren Konsum.

Gerne wollen Verfechter der Prostitution uns erzählen, dieses Geschäft sei ja nicht das selbe wie der Menschenhandel. Was für ein demagogisches Alibi unter völliger Missachtung der Realität! Prostitution und Menschenhandel sind zwei Seiten der selben Medaille. Ohne die Netze von Menschenhändlern, die durch wirtschaftlichen Zwang und angesichts einer massiven Zunahme von Frauenarmut Frauen in großen Mengen aus verarmten Ländern exportieren und importieren, als ob es sich um irgendeinen Rohstoff handeln würde, ist es nicht möglich, das Angebot aufrechtzuerhalten, die für die Gewinne dieses Multimillionen-Dollar-Geschäfts erforderlich ist. Die Legalisierung verwandelt Menschenhandelsnetzwerke in transnationale Arbeitsvermittlungsunternehmen, und an einigen Orten wie Australien sind einige von ihnen bereits an der Börse notiert.

Legalisierung oder Abolitionismus: Reform oder Revolution

Die Bourgeoisie verteidigt die Prostitution, weil mit ihr Gewinne gemacht werden können und ihnen das insofern gut in ihr Weltbild passt. Für die herrschende Klasse verdient der größte Teil der Menschheit keine andere Beachtung als als Rohstoff, aus dem sie Profite schöpfen kann. Der Beweis dafür ist, dass Ciudadanos in seinem Verständnis des „liberalen Feminismus“ die Legalisierung der Prostitution und der Leihmutterschaft verteidigt. Sie appellieren an die Achtung der „individuellen Freiheit“ als ideologische Verpackung, um diese Forderung sozialverträglich zu machen.

Der Zynismus dieser Leute hat keine Grenzen, aber er ist auch keine Überraschung. Als hörige Apologeten des Kapitalismus propagieren sie die vermeintlichen „Wahrheiten“, die das Kapital verbreitet, um seine Unterdrückung aufrechtzuerhalten. Aber niedrige Löhne oder Massenarbeitslosigkeit sind nicht dasselbe wie eine freie Wahl. So wie wir nicht unsere Freiheit ausüben, wenn wir einen schlechten Arbeitsvertrag abschließen, um über die Runden zu kommen, so tun wir es auch nicht, wenn wir unseren Körper verkaufen.

Wenn dieselben Argumente aber auch in bestimmten Bereichen des „Feminismus“ und der „Linken“ Widerhall finden, stehen wir vor einem entwürdigenden Ausdruck ihrer ideologischen Niederlage gegen die Logik des Systems. Das passiert, wenn eine der herausragendsten Vertreterinnen des kleinbürgerlichen Feminismus, Silvia Federici, darauf hinweist, dass „wir beim Verkauf unseres Körpers mit der gleichen Ausbeutung konfrontiert sind wie beim Verkauf unseres Gehirns“ oder „dass es nicht Sache des Feminismus ist, Hierarchien zwischen Ausbeutung zu etablieren, die wir akzeptieren können oder nicht“. Sicherlich können diese Feministinnen aus ihrem Uni-Büro heraus aus einer bequemeren „Perspektive“ theoretisieren als aus einem Straßenclub oder einem dunklen Kreisverkehr.

Natürlich gibt es in dieser Gesellschaft Hierarchien in der Lohnausbeutung. So wie das Leben als Professor an der Universität und die Abhaltung internationaler Konferenzen nicht dasselbe ist wie das Reinigen von Treppen für 400 Euro, ist der Verkauf der Arbeitskraft zur Deckung von Grundbedürfnissen nicht dasselbe wie die Verleugnung des eigenen sexuellen Willens, indem man seinen Körper täglich einer Gruppe von Fremden überlässt, die einen oral, vaginal und anal so oft wie sie wollen penetrieren.

Wie Federici zu behaupten, dass es nicht unsere Aufgabe ist, der Art der Ausbeutung, die akzeptabel ist oder nicht, Grenzen zu setzen, weil wir im Kapitalismus leben, ist nur eine weitere rhetorische Abstraktion, die von Klasseninhalten befreit ist. Wir sind so dazu angehalten, ein System zu akzeptieren, das mit unserem Leben tut, was es will. Müssen wir deshalb auch die Ausbeutung von Kindern oder den Verkauf von Organen akzeptieren? Wie kann man von der Befreiung der Gesellschaft sprechen, wenn einer ihrer repressivsten Institutionen ein normaler Status verliehen wird? Denn tief im Inneren ist die Anerkennung der „Sexarbeit“, die versucht, eine Geißel wie die Prostitution zu humanisieren, nur ein Ausdruck davon, dass man sich längst damit abgefunden hat, dass es keine andere denkbare Gesellschaft gibt, als die, die das kapitalistische System uns bietet.

Wir kämpfen darum, uns von jeglicher Unterdrückung und Ausbeutung zu befreien

Als revolutionäre Marxisten, die danach streben, diese sexistische und rassistische Klassengesellschaft zu verändern, kämpfen wir konsequent dafür, uns von allen Formen der Unterdrückung zu befreien. Deshalb bekämpfen wir die Geißel der Prostitution.

Diejenigen von uns, die einen revolutionären, abolitionistischen Klassenstandpunkt einnehmen, nicht heuchlerisch und schick wie die Sozialdemokratie, sind die konsequentesten Kämpfer für die Rechte von Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden. Wir fordern nicht nur den sofortigen Rückzug aller kommunalen Verordnungen, die prostituierte Frauen verfolgen und marginalisieren, sondern wir schlagen vor, dass der Staat und die Behörden die Hilfe für die Opfer garantieren. Dies setzt insbesondere voraus, dass prostituierte Frauen einen annehmbaren Arbeitsplatz oder eine unbefristete Arbeitslosenunterstützung, freien Zugang zu Gesundheit und Bildung, zu öffentlichen Wohnungen und natürlich Bleiberecht und Schutz vor Abschiebungen haben, sowie ein Recht auf Staatsbürgerschaft und Familienzusammenführung. Es geht auch darum, für die Verfolgung, die exemplarische Bestrafung und die Enteignung des Erbes der Zuhälter zu kämpfen, um es in den Dienst der Opfer und ihrer Familien zu stellen. Es bedeutet, unerbittlich gegen diejenigen vorzugehen, die mit dem Handel und dem Leid der Menschen und ihrer Komplizen in Polizeiapparaten, Gerichten und Regierungen zu tun haben.

Wir sind uns durchaus bewusst, dass jede Maßnahme zur Verteidigung prostituierter Frauen eine Änderung der sozialen Verhältnisse erfordert, aus denen die Prostitution hervorgeht. Das Fortbestehen dieser modernen Form der Sklaverei ist weder ein Zufall noch nur ein Produkt der faulen Moral einzelner Individuen, sondern die unvermeidliche Frucht des kapitalistischen Systems und der damit verbundenen Unterdrückung von Klasse und Geschlecht.

Der Abolitionismus ist keine idealistische oder abstrakte Forderung, er ist ein untrennbarer Teil des Kampfs um die Befreiung der Frau und der Arbeiterklasse. Natürlich erfordert die Verteidigung dieser Position auch einen Angriff auf das kapitalistische System als Ganzes. Der Kampf gegen die Barbarei und die Unterdrückung des modernen Kapitalismus und die der sexuellen Sklaverei ist ein untrennbarer Teil des Kampfes für die sozialistische Umwälzung der Gesellschaft.

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